Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen
 Heraklit

Einleitung in die Philosophie

1. Ursprung

2. Themen

3. Zugang

4. Ziele

5. Aneignung

6. Geschichte

 

  Ufer der Seine, van Gogh 1887 

  1. Ursprung

a) Das Wort "Philosophie" kommt aus der altgriechischen Sprache, aber das, was es bezeichnet, ist viel älter. Seit die Menschen anfingen, über ihre eigene Existenz, Leben und Tod, über die Entstehung und den Aufbau der Welt, über ihr Denken und Verhalten, über ihren Körper und Geist, über Sinn und Zweck des Daseins nachzudenken, haben sie angefangen zu philosophieren. Denn das Wort "Philosophie" enthält die beiden Bestandteile philia und sophía. Philia heißt ursprünglich "Zuneigung, Freundschaft, Liebe", aber auch "Streben" und sophía bedeutet "Weisheit" oder "Klugheit" im Sinne eines umfassenden, wahren Wissens. Es ist das Gegenteil zur bloßen Meinung, zum begrenzten Teilwissen oder auch zum strengen Dogma. So können wir für den Anfang die folgende Worterklärung festhalten:

Philosophie bedeutet ursprünglich das Streben nach umfassender, wahrer Erkenntnis. 

b) Die Philosophie ist so alt wie die Menschheit selbst und ist überall dort entstanden, wo Menschen  über sich selbst reflektieren. Aber im engeren Sinne eines systematischen Nachdenkens mit einer schriftlichen Überlieferung finden wir die Entstehung der Philosophie wohl zuerst in den folgenden drei Gebieten:

Indien,  etwa 800 - 500 vor unserer Zeitrechnung mit den Upanishaden der Veden,

China,  etwa 750 - 200 vor unserer Zeitrechnung mit dem Buch Yi Jing (I Ging), 

Griechenland,  etwa 650 - 550 vor unserer Zeitrechnung mit den Fragmenten der Vorsokratiker.

  2. Themen

Da die Philosophie das Streben nach Wissen ist, so ist alles, von dem man überhaupt etwas wissen kann, Gegenstand der Philosophie. Die ersten griechischen Philosophen Thales, Anaximandros und Anaximines suchten eine Antwort auf die Frage: Was ist der Ursprung der Welt? Dabei entwickelten sie die philosophische Methode der Argumentation im Unterschied zur Weissagung und es entstand ein Gegensatz von Logos (der überprüfbare Bericht) und Mythos (die unüberprüfbare Erzählung). Es bildete sich eine theoretische Haltung (gr. theoria = geistiges Schauen) des Erkennens  heraus, die im Gegensatz zur Religion stand. Wissen sollte den Glauben und rationale Argumente sollten die Dogmen ablösen.

Die philosophische Haltung zur Welt besteht in einem ständigen Suchen und Zweifeln im Unterschied zum Verharren und zur eingebildeten, vermeintlichen Sicherheit. So enthält die Philosophie stets die Bereitschaft zur Überprüfung der Gedanken, wenn überzeugende Argumente dies nahe legen. Sie vermeidet ein dogmatisches Festhalten an Glaubensregeln.  Aus dem Streben nach Wissen entstanden dann unterschiedliche Gebiete oder eigene Teilbereiche der Philosophie, so z. B.:

  • die Logik als Lehre vom richtigen Schließen und Argumentieren,

  • die Ethik als Lehre vom richtigen Handeln, von den Normen und Werten in der Gesellschaft,

  • die Erkenntnistheorie als Lehre vom Erkennen, von dessen Möglichkeiten und Grenzen,

  • die Ästhetik als Lehre von der sinnlichen Erfahrung, der Schönheit und der Kunst,

  • die Metaphysik (gr. meta - physika = das, was hinter der erfahrbaren Natur liegt) befasst sich mit dem Weltganzen, insbesondere dem sinnlich nicht Erfahrbaren,

  • die Ontologie (= Lehre vom Sein) hat das Seiende und das Sein in seiner Gesamtheit zum Gegenstand des Nachdenkens.

Ferner unterscheidet man noch die folgenden Teilgebiete:

Naturphilosophie, Kulturphilosophie, Gesellschaftsphilosophie, Geschichtsphilosophie, Religionsphilosophie, Staats-, Rechts-, und Sprachphilosophie und weitere mehr.

In der griechischen Antike war die Philosophie "die erste Wissenschaft", aus der heraus sich im Laufe der Geschichte die Einzelwissenschaften entwickelt haben. Dementsprechend unterteilt man die Philosophie historisch auch in bestimmte Bereiche oder Disziplinen, die jedoch nicht scharf voneinander getrennt sind. Als grobe Orientierung dient die folgende Einteilung:

a) Der erkenntnistheoretische, wissenschaftstheoretische Bereich

Hierzu gehören die Probleme des Denkens, der Logik, der Erkenntnis, der Wahrheit und Falschheit, der Wissenschaftlichkeit und Objektivität, der Beweisbarkeit von Aussagen, der Sprache, des Verhältnisses von Denken und Sprechen usw.

b) Der ästhetische, ethische Bereich

Hierzu gehören Probleme der sinnlichen Wahrnehmung, der Schönheit, des Scheins und der Kunst, der Subjektivität; dann Probleme des menschlichen Handelns, der sittlichen Normen und Werte, Fragen nach Ethik und Moral, Fragen nach Sinn und Zweck des Lebens, nach Entstehung, Bedeutung und Wirkung von Religion usw.

c) Der historische, gesellschaftliche Bereich

Hierzu gehören Probleme der Geschichte von Mensch und Natur, der Evolution, der Gesellschaft und des Staates, des Rechts, der Ideologie und Aufklärung, der Selbstbestimmung, der menschlichen Psyche und Persönlichkeit; Probleme von Freiheit, Zufall und Notwendigkeit, Fragen nach den Zielen und Möglichkeiten von politischem Handeln usw.

d) Der ontologische, metaphysische Bereich

Zu diesem klassischen Gegenstandsbereich der Philosophie gehören die fundamentalen Fragen nach allem Seienden, ja dem Sein schlechthin (Ontologie) und nach dem, was hinter allem Seienden verborgen ist (Metaphysik). Dieser abstrakte und auch sehr schwierige Bereich der Philosophie behandelt Fragen nach dem Ursprung der Welt und thematisiert das Wesen und Verhältnis von Geist und Materie, Sein und Werden, Existenz, Endlichkeit und Unendlichkeit, Raum und Zeit usw.

  3. Zugang

a) Allgemeine Voraussetzungen:

Zunächst werden zum Philosophieren keine besonderen Kenntnisse vorausgesetzt. Man kann stets "mitten drin" einsteigen. Eine Beschäftigung mit der Philosophie setzt allgemein aber die Bereitschaft voraus, sich auf unbekannte und fremde Gedanken einzulassen, sorgfältig und genau mit der Sprache umzugehen, sich in komplexe Begriffsstrukturen hineinzudenken und seine eigenen Gedanken stets kritisch zu reflektieren.

b) Voraussetzungen für das systematische Philosophieren:

Um jedoch tiefer in das Philosophieren einzudringen, sind formale und inhaltliche Kenntnisse erforderlich, die im Folgenden formuliert werden.

  4. Ziele des systematischen Philosophierens

Für ein systematisches Philosophieren sollten die folgenden Ziele Schritt für Schritt angestrebt werden:

a) hinsichtlich der philosophischen Methode

für neue Gedanken offen sein und sich von eigenen Vorurteilen befreien können,

fremde und auch eigene Anschauungen überdenken und in Zweifel ziehen können,

sich in fremde Gedankengänge hineindenken und diese nachvollziehen können;

b) hinsichtlich der philosophischen Argumentation

sich begrifflich exakt, sprachlich korrekt und inhaltlich überzeugend ausdrücken können, sich angemessen der philosophischen Fachsprache bedienen können, sich auf sachliche, fachgerechte und argumentative Weise mit einem philosophischen Thema auseinandersetzen können;

c)  hinsichtlich der philosophischen Textarbeit

einen vorgegebenen Text sorgfältig lesen, seine wesentlichen Gedanken erkennen und diese poiniert herausstellen können, den Inhalt eines Textes zutreffend wiedergeben, korrekt zitieren, kommentieren und entfaltend analysieren können; die Struktur eines Textes nach Thema, Aufbau, Argumentationsweise, Voraussetzungen und besonderer Begriffsverwendung erkennen und angemessen darstellen können; einen Text hinsichtlich seiner inneren Schlüssigkeit, seiner Konsequenzen, seines Geltungsanspruchs und seiner Verallgemeinerbarkeit beurteilen können;

d) hinsichtlich des philosophischen Verständnisses

Aussagen und Thesen in einen philosophiegeschichtlichen Zusammenhang einordnen und mit Konzepten anderer Philosophen vergleichen können,

eine philosophische Theorie umfassend, unter möglichst vielen Aspekten kritisch beurteilen und ihre Bedeutung für die Erkenntnis und das Handeln der Menschen einschätzen können,

einen Einblick in die Geschichte der Philosophie gewinnen und dabei ihre wesentlichen Epochen, Strömungen und Philosophen kennenlernen.

  5. Aneignung

Aus den formulierten Zielen für das systematische Philosophieren wird deutlich, dass die Beschäftigung mit einem philosophischen Text und die sachliche, argumentative Diskussion im Zentrum einer Aneignung stehen. Dabei soll am Anfang nicht quantitativ viel, sondern vielmehr qualitativ gründlich und intensiv gelesen werden, um die Fähigkeit zur Kritik und Analyse philosophischer Texte zu erlangen. Dies geschieht am besten in der sachbezogenen Diskussion, in der Schritt für Schritt die genannten Ziele durch eine gemeinsame Klärung und Ordnung der Gedanken, Erweiterung des Wissens sowie Schärfung und Vertiefung des philosophischen Problembewusstseins angestrebt werden. Ein besonderes Merkmal des Philosophierens besteht darin, dass ein reflektiertes Fragen und Erkennen von Problemen viel wichtiger ist als ein vorschnelles (und meist falsches) Antworten.

Die Fülle der philosophischen Gegenstände und Aspekte ist derart groß, dass in einer ersten Annäherung an die Philosophie nur ein Bruchteil dessen thematisiert werden kann, was möglich und auch relevant wäre. Die folgende Zusammenstellung über den Aufbau der Erarbeitung stellt somit auch einen größeren Grundbereich an Gegenständen dar, aus dem einzelne Teile ausgewählt werden können.

Mit Hilfe der angegebenen Links können die einzelnen Inhalte dort näher und tiefer beleuchtet werden.

a) Fachbegriffe

Wie jede Wissenschaft verfügt auch die Philosophie über eine spezielle Fachsprache, die erlernt werden muss, um korrekt zu philosophieren. Hier einige Beispiele philosophischer Fachbegriffe:

Begriff - Wort, abstrakt - konkret, Art - Gattung,  Definition - Aussage,

causa materialis - causa formalis , Behauptung - Hypothese, deskriptiv - normativ,

genus proximum - differentia specifica, Extension - Intension, Wahrheit - Falschheit,

kausalgenetisch -  finalgenetisch, Grund - Folge, Ursache - Wirkung,

notwendig - hinreichend, Subjunktion - Implikation, kontradiktorisch - konträr - dialektisch usw.

Siehe hierzu den Text: Grundbegriffe der Philosophie.

b) Diskussion

Das Medium der Philosophie ist die sachliche, fachgerechte Diskussion, die in ihrer Struktur eingeübt werden muss. Hier einige Strukturbeispiele für die philosophische Diskussion:

Vermeidung von vorgefassten Meinungen, Vorurteilen und Bewertungen; Angabe des Status der persönlichen Meinungen, Wertungen, Vermutungen und Definitionen; Sorgfältige, erklärende Verwendung von Fremdwörtern und Fachbegriffen; Nennung von Voraussetzungen und Behauptungen; Stetiges Bemühen zu argumentieren, zu begründen und nachzuweisen; Versuch zu überzeugen, nicht zu überreden; Differenzierung zwischen Sachurteilen und Werturteilen.

Siehe hierzu den Text: Grundbegriffe der Philosophie

c) Textanalyse

Dem Philosophieren liegen stets auch Texte der klassischen Autoren/Innen zugrunde, die verstanden, erfasst, wiedergegeben und kritisch analysiert werden müssen. Hier einige Beispiele für die philosophische Textarbeit:

Verstehen eines Textes: entschlüsseln, erläutern, erörtern, bewerten; Bestimmung des Themas, der Frage oder der Absicht oder des philosophischen Problems; Nennung der zentralen Begriffe, Bilder, Vergleiche, Metaphern, Adjektive und Adverbien; Kennzeichnung, ob sie wertend oder beschreibend sind; Analyse von Satzstrukturen: Aussagesätze, Befehlssätze oder Fragesätze (darunter auch rhetorische Fragen); Herausstellung von Strukturwörtern: z.B.: Bindungen (und, aber, oder), Begründungen (weil, da, da ja, denn),

Folgerungen (folglich, deshalb, d.h., also, daher), Bedingungen (wenn, falls, vorausgesetzt);

Erläuterungen: Zitate, Voraussetzungen, Schlussfolgerungen; Konsequenzen (theoretische oder praktische); Einordnen in Strömungen und Positionen; Logische Widersprüche, Argumentationsfehler; Vermeidbare Fehler: undurchdachte, unüberlegte Formulierungen, unangemessener Umgang mit Nachschlagewerken usw.

Siehe hierzu die Hinweise von Anne Tucker.

d) Disziplinen

Die Philosophie handelt von allem, was wissenswert ist. Aufgrund des großen Umfangs zerfällt sie in einzelne Teilgebiete oder Disziplinen, die zur Orientierung des Gesamtgefüges der Philosophie kennengelernt werden sollten. Hier einige Beispiele für philosophische Teilgebiete: Erkenntnistheorie, Logik, Metaphysik, Ontologie, Anthropologie, Ethik (Moralphilosophie), Ästhetik, Kulturphilosophie, Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie, Philosophie der Kunst, Geschichtsphilosophie, Dialektik, Naturphilosophie, Psychologie, Sozialphilosophie, Rechtsphilosophie, Staatsphilosophie, Lebensphilosophie usw.

Siehe hierzu: Duden Philosophie

e) Positionen

Im Ringen um Wissen und Wahrheit entstehen in der Philosophie verschiedene, oft gegensätzliche Positionen, die zur fundierten Entwicklung einer eigenen philosophischen Position geistig zu durchdringen sind. Hier einige Beispiele für philosophische Positionen: Idealismus, Objektivismus, Solipsismus, Theismus, Berkeleyanismus, Deismus,  Platonismus, Materialismus, Dialektik, Pantheismus, Skeptizismus, Rationalismus, Empirismus, Sensualismus, Atheismus usw.

Siehe hierzu im Überblick grundlegende Positionen der Philosophie.

  6.  Geschichte

Zum Gesamtverständnis der Philosophie sind natürlich auch Grundkenntnisse ihrer Geschichte erforderlich.  Im Folgenden ist für den Einstieg ein kurzer, unvollständiger Überblick über die Epochen, Strömungen und einzelnen Positionen angegeben, die sukzessive vertieft werden sollen. Siehe hierzu  insbesondere das gelungene Buch: Hans Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie.

 

Östliche Philosophie

Indien 

Brahmanismus, Jainismus, Buddhismus

China 

Yin-Yang, Konfuzius, Lao-dse, Mo-dse

Westliche Philosophie

Antike

Vorsokratiker

Thales, Anaximandros, Anaximenes, Pythagoras

Sophistik

Gorgias, Hippias, Protagoras

Klassik

Sokrates, Platon, Aristoteles

Stoa

Zenon, Kleanthes, Seneca, Epiktet, Aurelius

Epikurismus

Epikur, Lukretius, Horaz

Neuplatonismus

Plotin

Mittelalter

Patristik, Scholastik

Augustinus, Thomas von Aquin

Neuzeit

15. / 16. Jahrhundert

Renaissance    

Francis Bacon, Giordano Bruno, Reformation

17. Jahrhundert

Aufklärung

Descartes, Spinoza, Leibniz, Hobbes, Locke, Rousseau

18. Jahrhundert

Französischer Materialismus: 

La Mettrie, Holbach, Diderot, d’Alembert,

Deutscher Idealismus

Kant, Fichte, Schelling, Hegel

19. Jahrhundert

Schopenhauer, Nietzsche, Marx, Engels, Kierkegaard

20. Jahrhundert

Psychologie: 

Brentano, Freud 

Phänomenologie:    

Husserl, Scheler

Existenzphilosophie:

Heidegger, Jaspers, Sartre, Camus, Marcel

Sprachphilosophie: 

Wittgenstein, Carnap

Wissenschaftstheorie:

Popper, Whitehead, Russell

Kritische Theorie:

Adorno, Horkheimer, Marcuse, Habermas 

Strukturalismus: 

Levi-Strauss, Foucault usw.

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