|
Die Eule als Symbol der Philosophie Die bildliche Darstellung einer Eule hat eine lange Tradition, die weit zurückreicht bis in die Zeit der alten Hochkulturen in Babylonien, Agypten, Indien und China. In der abendländischen Kultur findet sich ein sehr frühes Bild auf einer Geldmünze der griechischen Antike etwa um 450 bis 410 vor unserer Zeitrechnung. Es handelt sich bei dieser, oben abgebildeten Münze um eine "Tetradrachme", die im Original etwa so groß war wie heute eine 1-Euro Münze, allerdings viel dicker und stärker ausgeprägt. Die heutige, griechische Ausgabe der Euromünze zeigt auch genau dieses alte Eulenmotiv der Tetradrachme. Das Wort "Tetradrachme" bedeutet "Vier Drachmen" und "Drachme" bedeutet ursprünglich "eine Hand voll". Eine Drachme hatte den Wert von 6 Oboloi (Plural von Obolos). Der Obolos war ursprünglich ein kleiner Bratspieß, der zum Aufspießen von Fleisch berechtigte und somit vor der Münzprägung als Zahlungsmittel diente. Der Tauschwert einer Tetradrachme lag bei einem Schaf und die Olympiasieger erhielten, je nach Disziplin, 400 - 500 Drachmen, also ein Vermögen in der damaligen Zeit, das die Sieger reich und berühmt machte. Auf dieser
Münze, die 47 Gramm reines Silber enthielt, ist eine Eule (griech.
glaukos), ein Olivenzweig
und eine kleine Mondsichel abgebildet.
Außerdem finden sich rechts von der Eule senkrecht die griechischen Buchstaben:
Die Tetradrachmen von Athen, auch kurz "Eulen" genannt, waren als universelle Handelsmünzen hochgeschätzt und weit verbreitet, die sogar im fernen Yemen imitiert wurden. Die bekannte Redewendung "Eulen nach Athen tragen" geht auf den Komödiendichter Aristophanes zurück, der in seiner Komödie "Die Vögel" meinte, dass die Bewohner Athens so reich seien, weil in ihren Geldbörsen die „Eulen“ Junge bekämen. Daher sei es überflüssig, noch weitere Eulen nach Athen zu tragen, denn: "An Eulen wird es ihnen nie mangeln." Auf der Rückseite der Tetradrachme war der Kopf der Schutzgöttin Pallas Athene geprägt. Die Eule war das Symbol dieser Göttin, nach der die Stadt Athen auch ihren Namen erhielt. Sie galt als Göttin der Städte, des Kriegs und der Weisheit, außerdem als Oberhaupt der Künste und der Wissenschaften. Pallas Athene wurde als "glaukopis" bezeichnet, als die "eulenäugige", "helläugige" oder auch als "diejenige, die wie eine Eule sehen kann". Die Wahrnehmungsfähigkeit der Eulen ist hochentwickelt. Ihre Augen sind extrem lichtempfindlich und sehr groß. Sie sind starr nach vorne gerichtet, was ihnen besonders gut das räumliche Sehen ermöglicht. Mit einem Sehfeld von etwa 70 Grad und der raschen Drehmöglichkeit ihres Kopfes bis zu 270 Grad können Eulen allein mit dem Kopf blitzschnell ihre Umgebung in einem vollen Kreis von 360 Grad erfassen. Dabei kann durch die besonders große Hornhaut der Augen auch geringes Licht noch optimal ausgenutzt werden. So können die Eulen, die von Natur aus weitsichtig sind, bei Dämmerung und auch bei Nacht noch gut sehen. Zu dieser besonderen Sehfähigkeit gesellt sich zusätzlich ein ausgezeichnetes Hörvermögen. Denn ein großer Gesichtsschleier aus Federn dient wie ein Parabolspiegel als akkustischer Verstärker, sodass Eulen Geräusche ihrer Umgebung und insbesondere bewegliche Objekte präzise orten können. So verwundert es nicht, dass die Wahrnehmungsleistungen der Eule metaphorisch auch als Bild für geistige Fähigkeiten dienen: Weitsicht, Einsicht (in komplexe Strukturen), Durchblick (besonders bei Dunkelheit), genaues Zuhören und Flexibilität (beim Annehmen verschiedener Positionen) sind geeignet, symbolisch auf die entsprechenden Attribute des Denkens und insbesondere auf die des Philosophierens übertragen zu werden. Und da die Eule ferner bei der Jagd eine große Geduld und Ruhe ausstrahlt, galt sie in der griechischen Antike auch allgemein als Symbol des Nachdenkens, des Überlegens, der Klugheit und Besonnenheit und damit auch als Symbol der Philosophie selbst, der Liebe zur Weisheit; denn auch die Philosophie soll ja mit Beharrlichkeit und Klugheit gerade dann noch "gut sehen" und "weit blicken" können, wenn es um uns herum "dunkel" geworden ist und die Sicht durch Gewohnheit, Erziehung, Religion, Ideologie und andere Trübungen verhindert oder "vernebelt" ist. Das symbolische Bild von der Eule der Athene hat Hegel an einer berühmten Stelle seiner Philosophie des Rechts verwendet, wobei er anstelle der griechischen Göttin Athene die ihr entsprechende römische Göttin Minerva verwendet: "Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug." Siehe hierzu die folgende Interpretation.
|